Kann man Charisma lernen?

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Immer wieder steht die Frage im Raum, ob man Charisma tatsächlich erlernen kann. Natürlich kennen wir alle jene Glücklichen, die mit einem reichlichen Talent ausgestattet durch Leben schreiten. Und bei jenen das eine oder andere im Feinschliff zu verbessern, ist ein Leichtes.

Doch was ist mit all den Zeitgenossen, denen der öffentliche Auftritt, ja schon die Firmenpräsentation, ein Graus ist? Die nie als charismatische Typen wahrgenommen werden, deren Gesicht man vielleicht sogar schnell vergisst? Unmöglich, dass jeder, der fachlich etwas zu sagen hat, dies auch mit entsprechender Ausstrahlung kommunizieren kann. Dennoch wäre dies aber mitunter notwendig. Wie kann man hier Ausstrahlung erzeugen? Ist es möglich, dass auch ein Abteilungsleiter ohne große Außenwirkung einen fesselnden Vortrag halten kann?

Ich gehe davon aus, dass Charisma erlernbar ist. Jedoch ist auch ein Wille dazu, wenigsten ein Wunsch, die Grundvoraussetzung. Jemand, dessen Bedürfnis es ist, im Hintergrund zu stehen, wird sich kaum Ausstrahlung aneignen können. Es gehört schon der Mut dazu, in den Vordergrund zu treten und sich zu exponieren. Wem dies zu wider ist, der wird Charisma nicht erlangen können.

Durchaus kann Charisma als Prozess verstanden werden. Nicht nur als Prozess der eigenen Entwicklung, sondern auch als Prozess der Fremdwahrnehmung. Schließlich gehört zum erlernten Charisma durchaus ein gutes Stück Inszenierung, ein in Szene setzen der Eigenschaften, die als besonders dominant und wertvoll vermittelt werden sollen.

Auf diese Weise ist es möglich, das Kreieren eines eigenen Rufes, eines Bildes das man von sich vermitteln will, auf sanfte, natürliche Art zu vollziehen. Dabei ist Perfektion eher ab- denn zuträglich. In kluger Inszenierung werden aus Fehlern Eigenheiten. Und selbst wenn diese lächerlich und unvollkommen wirken, kann man sie dennoch zum Markenzeichen einer Person stilisieren. Auf diese Weise haben Fehler doch noch ihr Gutes. Denn gerade bei der Inszenierung gilt oftmals der Grundsatz: Besser eine schlechte Presse als gar keine.

Und schauen wir uns als Beispiel Edmund Stoibers rhetorische Leistungen an, wird schnell klar, worauf es ankommt. Sicherlich gibt es hier keine Begabung zu bestaunen, aber sein eiserner Arbeitswille wurde in geübten oder abgelesenen Reden gegen Ende seiner Karriere als Ministerpräsident tatsächlich deutlich. Dennoch hat er mit seinen rhetorischen Patzern mehr Aufmerksamkeit erregt, als mit seinen Glanzlichtern.

Natürlich ist es wichtig, gerade die Inszenierung von Schwächen perfekt zu planen. Schnell kann es sonst geschehen, dass diese als dominant wahrgenommen werden, und den positiven Eindruck der Ausstrahlung nur noch müde erglimmen lassen. Jedoch wäre eine allzu glatte Fassade ebenso wenig attraktiv. Zu gering wäre der Identifikationsfaktor mit einer Figur, die in geradezu himmlischer Perfektion erstrahlt. Dem allzu Perfekten trauen wir nicht über den Weg. Wir wünschen uns Menschen „wie du und ich“, mit nachvollziehbaren Gedankengängen und Charakteren, die eben eine Spur perfekter sind, als wir selber. Solch glamourösen Erscheinungen trauen wir die Spur mehr zu, als wir in der Lage wären, an ihrer Stelle zu bringen. Und genau dieser Eindruck unterscheidet den Charismatiker von einem Menschen ohne Ausstrahlung.

Herzlichst
Julia Sobainsky

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