Rolle versus Authentizität

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Ich habe vergangene Tage einen interessanten Artikel in einer alten Ausgabe der Zeitschrift „Manager Seminare“ gelesen.
Es ging in diesem Artikel darum, dass sich der Verfasser Rainer Niermeyer gegen Authentizität bei Führungskräften und für „Rollenverhalten“ aussprach.

„Echtsein macht erfolglos – Irrglaube Authentizität“ so der Aufmacher.

Das war natürlich erst mal ein cooles Ding, denn von so einem Headliner erwatet man eine recht extreme Haltung.

Niermeyer hält dem geneigten Leser vor Augen, dass Authentizität nicht unbedingt zur Rolle der Führungskraft passt, außerdem unzuverlässig und launisch sein kann.
Er schreibt über Erwartungen von Mitarbeitern, Kollegen und Vorgesetzten.

Und er hat nicht ganz Unrecht. Unreflektiertes authentisch-sein dürfte einer Führungskraft wirklich schlecht bekommen. Denn wir sollten niemals die Wahrnehmung unserer Mitarbeiter, Kollegen und vorgesetzten unterschätzen.

Wenn Sie mal bei sich selber überprüfen, wen sie sympathisch finden, welche Charaktereigenschaften Sie sich von einer Führungskraft wünschen.
Gehört für Sie Launenhaftigkeit dazu? Unsicherheit? Vielleicht sogar Weinerlichkeit? Ist es okay, wenn die Führungskraft schlecht geschlafen hat, und dies ihre Mitarbeiter deutlich zu spüren bekommen? Naja, ist doch echt. Authentisch. Hey, so geht’s mir heute halt.

Jeder von uns hat Vorstellungen über das Verhalten anderer Menschen. Und wir haben auch Rollenvorstellungen. Wir erwarten von Führungskräften eben eher, dass sie visionär sind, stark – auch in schwierigen Zeiten, dass sie Verantwortung übernehmen, sich korrekt ihren Mitarbeitern gegenüber verhalten, Verlässlichkeit beweisen. Und wir sind irritiert und unzufrieden, sollte das Verhalten der Führungskraft stark davon abweichen.

Nicht neu ist, dass Soziologen uns das Rollenmodell erklärt haben. Das ein Schulz von Thun  sogar soweit geht zu sagen, dass sich hinter den menschlichen Rollen keine Substanz – also keine Authentizität – verbirgt. Gähnende Leere sozusagen. Das der Mensch erst durch die Rollen ein akzeptables Leben führen kann, Struktur bekommt.

Niermeyer sagt, dass Rollen eine Realität schaffen. Und das man sich ohnehin dieser Realität angleicht, im Sinne einer selffulfilling Prophecy. Dies ist auch meine Erfahrung.

Wer kann sich nicht daran erinnern dass er einmal Bewunderung für einen Menschen empfunden hat? Ein Vorbild hatte? War es nicht so, dass man, bei genauer Betrachtung, immer zwischen sich und dem Vorbild Gemeinsamkeiten erkennen konnte? Und war es nicht auch so, dass man sich gewünscht hat, auf die eine oder andere Art genauso wie sein Vorbild reagieren zu können? Und hat das nicht auch immer irgendwann funktioniert? Selbstverständlich! Das älteste Lernsystem der Welt ist das „nachahmen“. Kinder lernen auf diese Weise. Und im neurolinguistischen Programmieren hat man es perfektioniert als „Modeling-Prozess“.

Es wird immer Rollen geben, die einem persönlich mehr liegen als andere. Menschen sind jedoch sehr flexibel. Wenn man spürt, dass bestimmte Verhaltensweisen erfolgsversprechender sind als andere, wird man sie sich rasch aneignen. Und so funktionieren die meisten Menschen recht gut in ihren Rollen. Und fühlen sich nicht mal unbedingt schlecht dabei. Denn wollen wir Schulz von Thun glauben, leben wir unsere Authentizität sowieso erst durch die Rolle. Das heißt, die Antwort auf die Frage „wer bin ich“ – und hier wird´s philosophisch – kann möglicherweise erst über die perfekte Rollenwahl getroffen werden.

Rolle als Hilfe zur Authentizität? Ich glaube ja.

Herzlichst
Julia Sobainsky

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