Wie Frauen Ihre Karriere behindern – eine Anleitung zum uncharismatisch sein

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Katarina K. ist eine junge Führungsnachwuchskraft. Seit 1,5 Jahren arbeitet sie schon in ihrer jetzigen Firma. Immer war sie fleißig und ist mit allen Kollegen gut ausgekommen.

Heute wird sie eine Präsentation halten. Natürlich hat sie das schon häufiger getan. Doch heute wird es eine Präsentation vor wichtigen Führungskräften sein. Katarina fühlt sich unwohl. Immerhin geht es darum, das nächste wichtige Projekt leiten zu dürfen. Aber wenn Katarina K. ehrlich ist, fühlt sie sich immer bei Präsentationen ein wenig unsicher. Klar hält sie sie trotzdem, das gehört nun mal dazu. Aber sie hat immer den Eindruck, dass das nicht hundert Prozent ihre Stärke ist.

Katarina K. hat diese heutige Präsentation gut vorbereitet. Fleißig hat sie alle Fakten gesammelt und strukturiert und mit Powerpoint was Hübsches zusammengebastelt. Das hat sie die ganzen letzten Abende gekostet. Aber das ist ihr die Sache wert. Schließlich kommt es heute drauf an.

Der Besprechungsraum füllt sich. Sie hat vorbildlich ihre Technik vorher ausprobiert – Beamer und Laptop funktionieren. Vornehmlich Herren betreten den Raum, eine Dame ist auch dabei – Luisa M. Sie leitet zwar eine andere Abteilung, aber Katarina K. hatte schon lange das Gefühl, das Frau M. sie nicht leiden mag. Normalerweise spielt das keine große Rolle, heute ist es ihr aber in besonderer Weise unangenehm, diese wichtige Präsentation ihn Frau Ms. Anwesenheit halten zu müssen.

Katarina nimmt ein merkwürdiges Gefühl in ihrer Magengegend wahr. Und in ihrem Schädel kündigt ein winziges Schwindelgefühl das Lampenfieber an. Katarina ärgert sich über sich selber. Um sich abzulenken begrüßt sie die Teilnehmer. Ihr Mund ist trocken. Schweiß benetzt die Innenseiten ihrer Hände. Sie mag keine Hände mehr schütteln und wischt sie sich unauffällig an der Hose ab. Ihre Wahrnehmung ist auf Zeitlupe gestellt. Sie geht Richtung Rednerpult und nestelt etwas in ihren Unterlagen herum. Was wollte sie noch mal als ersten Satz sagen? „Guten Tag meine Damen und Herren“? Mein Gott, wie einfallslos und dumm. Langweilig. Genau. Außerdem ist nur eine Dame da. „Guten Tag meine Dame und meine Herren“ – das hört sich völlig blöde an. Überhaupt, eigentlich ist sie gar nicht gut genug vorbereitet. Was ist, wenn ihr nicht mehr einfällt, was sie sagen wollte? Sie weiß nichts mehr. Gähnende Leere im Schädel. Kann sie noch unauffällig verschwinden? Auf die Toilette und nicht mehr wieder kommen? Jetzt kommt ihr Chef und steuert direkt auf sie zu. Er begrüßt sie lächelnd. Er hat sicherlich ihre schweißnasse Hand bemerkt. Verdammt, warum lächelt er so? Ist er etwa gehässig?

Alle Zuhörer haben nun Platz genommen und Katarina ist überzeugt davon, dass alle ihre zitternden Beine anstarren. Sie ist froh, dass das Licht vorne nicht gar so hell ist, so kann sie sich unauffällig hinterm Rednerpult verstecken.

Rasch nimmt sie einen Schluck Wasser aus dem bereitstehenden Glas. Kalt rinnt es den Hals hinunter und es schießt ihr der Gedanke durch den Kopf, was wäre, wenn sie sich verschlucken würde. Sie darf keinesfalls noch etwas trinken! Außerdem sind die durch trinken entstehenden Pausen in ihrem subjektiven Empfinden immer unendlich lang. Stunden, in denen alle Blicke auf ihr liegen.

„Guten Tag meine Damen und Herren!“ Verdammt. Ihre Stimme hört sich quitschig wie die von Mickey Mouse an. Und  sie hat den blöden Satz gesagt. Unverzeihlich. Oje. Alle werden es bemerken und sie für eine alberne Gans halten. Und sie haben Recht. Sie ist eine alberne Gans. Sie hat die Projektleitung sowieso nicht verdient. Eigentlich ist es purer Zufall gewesen, überhaupt diese Stelle als Nachwuchsführungskraft zu bekommen. Ein Missverständnis, was sicher bald auffliegt. Wie peinlich. „…Habe ich diese Zahlen zusammengetragen …“ mein Gott, was redet sie da überhaupt für einen Unsinn? Man sollte sie strafen dafür. Und wie schnell sie redet. Alle schauen auf die Powerpoint-Präsentation – Gott sei Dank. Sie spürt, wie sie auf einem Bein steht, Standbein – Spielbein fällt ihr ein. Wie beim Tanzen. Am liebsten würde sie in ein Mauseloch kriechen. Genau. Graue Maus. So fühlt sie sich.

Zuhörer-Husten. Sie sieht, wie Herr A. in der 2. Reihe gähnt. Frau M. schaut gelangweilt zum Fenster. Natürlich. Das war ja klar. Herr S. blättert in den Unterlagen.

Sie hört die eigene Stimme gleichförmig die Sätze abrollen. Sie hasst sich für das eigene Unvermögen.

Endlich fertig. „Haben sie noch irgendwelche Fragen?“ Nein. Keiner. „Danke für ihre Aufmerksamkeit.“ Aufmerksamkeit? Gemurmel. Katarina muss aufs Klo.

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Konnte Katarina K. überzeugen? Sie hat sicherlich schon eine Menge richtig gemacht. Schauen wir uns die Wertung im Detail an:

Wichtig ist, mit sich selber hart ins Gericht zu gehen. Während Männer diese Kunst meist nicht beherrschen, können sich Frauen hier der Meisterschaft rühmen. Besonders hervorzuheben sind innere Dialoge, in denen sich Katarina selbst als dumme Gans beschimpft. Dies unterstützt auf sagenhafte Weise das Lampenfieber, verursacht direkt ein noch schlechteres Gefühl und einen Einbruch im verbliebenen Selbstbewusstsein. Drei auf einen Streich, sozusagen.

Bemerkenswert auch, wie sich Katarina das Trinken verbietet. Trinken könnte das Lampenfieber beheben – Katarina verhindert dies mit sicherer Hand. Wasser trinken würde dem Gehirn nämlich ein Signal senden, dass genügend Flüssigkeit im Organismus vorhanden ist, um bei Gefahr fliehen zu können, ein Umstand, der die Denkprozesse in Katarinas Gehirn wieder einsetzen lassen würde. Mit schlafwandlerischer Sicherheit wird dies durch Katarinas Selbstbestrafung verhindert. Denn schließlich weiß man ja nie: Außer dem Lampenfieber, dass es unbedingt zu unterstützen gilt, könnte sie sich ja sonst auch noch verschlucken.

Auch dieser Gedanke ist ein genialer Schachzug. Nicht, dass sich Katarina beim Trinken für gewöhnlich verschlucken würde, nein, dieser Gedanke bezog sich nur auf diese Situation. Vorbeugend sozusagen. Aus reiner Sicherheit.

Katarina punktet außerdem bei ihrem unerbittlichen Umgang mit sich selber vor der Präsentation. Anstatt sich selber noch einen Moment der Ruhe zu gönnen, nimmt sie tapfer alle Hürden mit. Sie ärgert sich gründlich über das aufkommende Schwindelgefühl und die nassen Hände und unterstützt tatkräftig durch die Begrüßung der Zuhörer. Mutig stürzt sie sich ins Geschehen anstatt ihrem Impuls nach einem Moment der Ruhe nach zu geben.

Frauen sind fleißig und halten das für Selbstverständlich. Diszipliniert bereiten sie Präsentationen vor, wenn es aber darum geht, die Lorbeeren dafür abzusahnen, verziehen sie sich in ihr Mauseloch, wo sie auch hin gehören. Denn Frauen sollten sich in jedem Fall immer sagen, dass sie eigentlich eher unvermögend sind.

Zu recht meinen Frauen gerade in kritischen Situationen, nur durch Zufall auf die begehrte Position gerutscht zu sein. Und sie tun gut daran, sich unauffällig zu verhalten, damit dieses Missverständnis nicht allzu schnell auffliegt.

Lampenfieber sollte man direkt durch Selbstvorwürfe abstrafen. Generell ist die Denkweise richtig, schlecht vorbereitet zu sein. Man kann gar nicht genug vorbereiten! Es kostet drei Abende? Vergessen Sie´s! Wer wenig Talent hat, sollte eben mehr arbeiten.

Katarina überzeugte nicht nur in der Disziplin Selbstvorwürfe, auch in Punkto Unsicherheit liegt sie klar vorne. Durch ihr zartes Pipsstimmchen konnte sie klar Inkompetenz übermitteln, die gleichförmige Stimme hat alle Erwartungen in Sachen Langeweile übertroffen. Toppen konnte sie außerdem mit einem unsicheren Stand der „ich bin gar nicht da“ signalisierte und ihrem genialen Versteck hinter dem Rednerpult.

Punktabzug erhält sie nur, weil sie die Texte auf den Folien nicht noch vorgelesen, sondern nur ergänzt hat. Dadurch mussten die Zuhörer immerhin noch die Augen aufhalten – eindeutig zuviel verlangt!

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