Charisma und Manipulation

Gerne wird charismatischen Führungskräften, sei es nun in der Wirtschaft oder der Politik, der Vorwurf der Manipulation gemacht. Immer wieder werden Charisma und Manipulation in einen Topf geworfen.

Wikipedia schreibt zur Begriffsklärung: „Der Begriff Manipulation (lat. für Handgriff, Kunstgriff) bedeutet im eigentlichen Sinne „Handhabung“ und wird in der Technik auch so verwendet.“

Warum geht mit diesem Begriff nun ein negativer Nachgeschmack einher?
Wir benutzen ihn meist in dem Zusammenhang, wenn wir ausdrücken wollen, dass Menschen gegen ihren ausdrücklichen Willen, oder auch ohne ihre bewusste Wahrnehmung, beeinflusst werden.

Wenden wir uns mal dem ausdrücklichen Willen zu.
Ich behaupte, dass es schwierig sein dürfte, jemanden gegen seinen ausdrücklichen Willen zu manipulieren. Da bedarf es mehr als Charisma. Da bedarf es Techniken zur Gehirnwäsche. Wenn jemand eine ausdrückliche Meinung zu etwas hat, einem Gegenstand, einer vorherrschenden Meinung, wenn sich also jemand wirklich bereits Gedanken um den bewussten Punkt gemacht hat, ist eine Beeinflussung gegen den Willen kaum machbar (zumindest nicht mit Mitteln, die nicht Richtung Gehirnwäsche zielen).
Anders sieht es natürlich aus, wenn jemand keine Meinung hat, keinen Standpunkt. Wenn sich jemand keine Gedanken machen möchte, ist er leicht zu beeinflussen. Da wird es allerdings gefährlich, denn der Meinungslose ist allzu leicht von jedem zu beeindrucken, der auch nur eine halbwegs schlüssige Parole an den Tag legt. Auch hier ist Charisma nicht von Nöten.

In der Werbung macht man sich dies zu nutze. Als „Verbraucherinformation“ erhalten wir Beeinflussungen, beispielsweise im TV, die uns eine Meinung vorgeben. Wie ist der Hype um das IPad entstanden? Wer weiß denn aus eigener Erfahrung, dass das Produkt besonders gut ist? Wer hat es bereits getestet vor dem Kauf? Natürlich gibt es auch die bewusste Verbraucher-Entscheidung sich vom Produktimage verführen zu lassen. Hier erliegen wir aber keiner Beeinflussung gegen unseren Willen, sondern einer willentlich gewählten Beeinflussung. Ansonsten beschäftigt sich das Neuromarketing mit den Strukturen menschlicher Wahrnehmung und deren Beeinflussung. Charisma? Fehlanzeige.

Der zweite Kritikpunkt, die Beeinflussung der Menschen ohne deren bewusste Wahrnehmung des Vorgangs, ist ein Scheinargument. Wenn wir offen und ehrlich darüber reflektieren, werden wir feststellen müssen, dass uns immer alles beeinflusst. Jede Meinung die wir hören, jeder Satz den wir lesen, Menschen denen wir begegnen, all dies hat Einfluss auf unsere Wahrnehmung, unsere Meinungsbildung. Selbst das Ablehnen der einen These ist eine Meinungsbildung für eine andere, kein Gedankengang der nicht schon einmal gedacht wurde, keine Idee, die nicht durch etwas anderes Beeinflusst wurde. Wir sind täglich Millionen von Einflüssen ausgesetzt. Und wir selektieren für uns die brauchbaren und sinnvollen.

Die wichtigste Vorraussetzung, ungewollten Einflussnahmen zu widerstehen, scheint mir das möglichst freie Denken zu sein. Bildung und Aufgeklärtheit. Deshalb sollte man nicht die charismatische Ausstrahlung von Menschen aus Angst von Einflussnahme einschränken, sondern lieber die Kritikfähigkeit von Menschen stärken.

Charisma ist eine wundervolle Gabe, deren Umgang sicherlich einiger Verantwortung bedarf. Aber sie kann nur dort negativen Einfluss nehmen, wo große Verunsicherung herrscht, wo die Kritikfähigkeit von Menschen eingeschränkt und die Angst groß ist.

Also sollte die Erziehung von Kindern immer in Richtung freies Denken führen, in Richtung Kritikfähigkeit, Authentizität und Charisma. Denn ein kritikfähiger, charismatischer Mensch wird seinen eigenen Weg gehen, ohne unter schädliche Einflussnahmen von welcher Seite auch immer zu geraten. Für mich die einzig sinnvolle Vorbeugung gegen politische Extreme. Charisma und Manipulation gehören für mich nur in dem Sinne zusammen, dass Manipulation im Sinne von „handhaben“ benutzt wird.

Herzlichst
Julia Sobainsky